Union der festen Hand

Die Arbeit hat ausgedient, Vollbeschäftigung ist – allen politischen Bekundungen zum Trotz – nicht mehr zu erwarten. Zu Beginn des neuen Jahrtausends müssen sich die westlichen Nationen einer schwierigen Herausforderung stellen: das Verhältnis von Arbeit und Leben im post-industriellen Zeitalter neu zu erfinden. Fragen, die sich im 20. Jahrhundert so nicht stellten, werden angesichts millionenfacher Arbeitslosigkeit immer drängender: Wohin mit dem ‚nutzlos’ gewordenen Humankapital, das vom System nicht mehr gebraucht wird? Was anfangen mit denen, die ihr Leben künftig nicht mehr über ihre Arbeit, ihre ‚Funktion’ für die Gesellschaft definieren können? Ruhigstellen mit Konsum, medialem Allround-Entertainment, immer neuen Freizeitaktivitäten oder der steten Beschwörung des ‚privaten Glücks’?

Das Theaterprojekt UNION DER FESTEN HAND befragt einen Text aus dem frühen 20. Jahrhundert nach Lebens- und Arbeitskonzepten für das 21. Jahrhundert. Der Roman UNION DER FESTEN HAND, der in den späten 20er Jahren erschien, beschreibt eine historische Umbruchzeit in Deutschland. Eine Zeit, in der sich die schwelenden Konflikte zwischen Industriemagnaten, Arbeiterschaft und Politik verdichteten und in der die zentralen politischen Weichen von der Industrialisierung im 19. zur Globalisierung im 21. Jahrhundert gestellt wurden.

UNION DER FESTEN HAND setzt 1918 bei der Geburtsstunde der Weimarer Republik ein: Deutschland erlebt eine schwere militärische Niederlage, der Kaiser muss abdanken. Die Arbeiterschaft erhebt sich, organisiert Arbeiterräte, die kurzzeitig die Staatsgewalt übernehmen. Aber statt von Gewerkschaftlern geführt zu werden, bleiben die Industrieanlagen fest in der Hand der Industriebosse. Einer von ihnen ist Gustav Krupp von Bohlen und Halbach. Unter seiner Leitung und der seines Direktoriumsvorsitzenden Alfred Hugenberg entwickelt sich der Essener Kruppkonzern, seit langem schon die “zentrale Waffenschmiede des Reiches”, zu einer einflussreichen politischen Instanz, die alles andere als die Festigung der jungen Republik anstrebt.

Das Theaterstück UNION DER FESTEN HAND basiert auf dem gleichnamigen Roman von Erik Reger alias Hermann Dannenberger (1893-1954), einem der langjährigen Mitarbeiter der Kruppschen Presseabteilung. Reger schreibt in den 1920er Jahren über die enge – und bis heute höchst wirksame! – Verquickung von wirtschaftlichen und politischen Interessen einen Schlüssel- und Enthüllungsroman. 1931 erhält der Autor, der nach 1945 als Gründer und Chefredakteur des Berliner “Tagesspiegel” zu den bekanntesten Journalisten Deutschlands gehört, für sein 500 Seiten umfassendes Werk – zu gleichen Teilen mit Ödön von Horvárth – den Kleist-Preis.

Bezeichnenderweise stehen in UNION DER FESTEN HAND nicht die Politiker der Weimarer Republik, sondern die Industriebosse im Zentrum der Handlung. Die Szenen auf dem Werksgelände führen vor, wie die Arbeiterschaft systematisch aus der Mitbestimmung herausdrängt wird. Zuletzt kommen den Großindustriellen dabei auch die Nationalsozialisten zu Hilfe, die das ideologische Vakuum füllen, das die gescheiterten revolutionären Utopien hinterlassen haben. Weil UNION DER FESTEN HAND am Beispiel des Kruppkonzerns schonungslos aufzeigt, wie die Großindustriellen in den letzten Jahren der Weimarer Republik bereitwillig ‚Steigbügelhalter’ Hitlers spielen, lassen die Nazis Regers Roman 1933 verbieten.

Nicht weniger kritisch verfährt UNION DER FESTEN HAND allerdings auch mit der Arbeiterschaft und ihren Vertretern in den Jahren zwischen den Weltkriegen. Das Stück zeigt deren schrittweise Korrumpierung mit bürgerlichen Lebensvorstellungen und die Umerziehung der traditionell sozialistisch orientierten Arbeiterschaft zu einer autoritäts- und obrigkeitsgläubigen Kleinbürgermasse. Nach den chaotisch-anarchistischen Zuständen der Machtübernahme 1918 lassen sich die Arbeiter mit vermeintlich demokratischen Mitbestimmungsparagraphen ködern und schnell von den manipulativen Schachzügen der Mächtigen verunsichern. Ohne genaue Einsicht in die komplexen Zusammenhänge nationaler und internationaler Produktionsverhältnisse wird die Arbeiterschaft mit Scheinargumenten ruhig gestellt, auf Konsum getrimmt und in pseudo-bürgerliche Wohnsiedlungen abgeschoben. An den Mechanismen dieser Machtspiele hat sich bis heute nicht viel geändert.

UNION DER FESTEN HAND ist eine großflächige Industrielandschafts-Inszenierung von Stephan Stroux mit einem Ensemble aus international renommierten Schauspielern, Musikern, Tänzern etc., die von Mai bis August 2003 in vier ehemaligen Anlagen der Schwerindustrie gezeigt wird. Bühnenbildner ist Jo Schramm; dem Team gehören u.a. auch der holländische Industriemusiker und Feuerkünstler Bastiaan Maris und der Filmmusiker Jan Tilman Schade an.

Die Berliner Premiere wird Mitte Mai 2003 auf dem Gelände des ehemaligen Reichsbahnausbesserungswerk an der Warschauerstrasse stattfinden. Die herunter-gekommenen Hallen des Reichsbahnausbesserungswerks sind dabei mehr als skurrile Kulisse, sie sind so zusagen ein Originalschauplatz des Stückes: Mit der Eisenbahn, dem zentralen Motor der industriellen Revolution im 19. Jahrhundert, spannt die Inszenierung den thematischen Bogen von der modernen schwerindustriellen Fertigung von Eisen und Stahl zu ihrem (neben der Rüstungsindustrie!) wichtigsten Endprodukt: Schiene, Räder, Achsen. Von Berlin aus verfolgt die Inszenierung den Weg zurück zu Stahl und Kohle: In Zusammenarbeit mit berühmten Orten aus der Produktionskette der Schwerindustrie werden Inszenierungen der Industrielandschaften entwickelt, die auf dem Text und der Produktion in Berlin aufbauen und an den jeweiligen Aufführungsorten ihre eigene Sprache und Geschichten suchen. UNION DER FESTEN HAND wird an ehemalige Industrieanlagen aufgeführt, von denen zwei mittlerweile mit dem Titel “Weltkulturerbe” ausgezeichnet wurden: das Weltkulturerbe Rammelsberg in Goslar, Bergwerk Göttelborn und Weltkulturerbe Zollverein in Essen.

Die architektonisch eindrucksvollen Anlagen, in denen UNION DER FESTEN HAND von Mai bis August 2003 spielen wird, sind Orte, in denen der Traum von industriellem Fortschritt, von Aufschwung und Vollbeschäftigung noch nachhallt. Wirtschaftliche Utopien, die im dritten Jahrtausend nachweislich ausgedient haben – ohne dass bislang neue gefunden werden konnten. Die Anlagen selbst befinden sich in einem Schwebezustand zwischen Vergangenheit und Zukunft: Zum Teil wurden sie aufwändig restauriert, musealisiert oder für neue Mieter aus der New Economy hergerichtet, zum Teil sind sie dem Abriss preisgegeben. Das Theaterprojekt UNION DER FESTEN HAND wird sie für kurze Zeit wieder zum Sprechen bringen.